Originalpreis: 260 €
Vinted-Inserat: 60 €
Interessenten-Angebot: 40 €
Jeder, der schon mal auf einer Secondhand-Plattform verkauft hat, kennt dieses Szenario vermutlich. Dabei waren die inserierten 60 € für ein nur 2-mal getragenes Kleid in hervorragendem Zustand aus Verkäufersicht schon ein echtes Entgegenkommen, schließlich war das Kleid ja „einmal teuer“.
Genau dieses „Es war ja einmal teuer“ hindert die meisten von uns daran, sich von ihrem Besitz zu trennen. Aber auch wenn niemand es hören möchte: Das Geld war bereits beim Kauf weg. Es ist ganz egal, ob das Teil nun weiter in deinem Schrank hängt, verkauft oder gespendet wird – das Geld ist weg und kommt nicht wieder. Außer man verkauft es. In diesem Fall wären sogar die angebotenen 40 € ein echter Zugewinn.
Aber warum fällt es uns so schwer, teure Kleidung auszumisten?
Ein Begriff, mit dem sich dieses Phänomen beschreiben lässt, ist die sogenannte „Sunken Cost Fallacy“. Einige kennen sie vielleicht aus dem beruflichen Umfeld. Der Begriff beschreibt eine kognitive Verzerrung, die dazu führt, dass Menschen an einem Projekt oder Vorhaben festhalten, weil sie schon viel Mühe oder Zeit reingesteckt haben, anstatt den aktuellen Nutzen zu evaluieren.
Ich selbst habe jahrelang als Produktmanagerin in einer B2B-Softwarefirma gearbeitet, wo wir ständig neue Projekte realisiert haben. Ein Beispiel: eine App. Tausende an Euros und Stunden, die in dieses Produkt flossen. Kaum Kunden, die dafür zahlen wollten. Rein von den KPIs her hätte man das Produkt vom Markt nehmen sollen. Dies geschah aber nie, denn es wurde ja schon so viel rein investiert.
Das gleiche Prinzip können wir jeden Tag in unserem eigenen Zuhause beobachten. Wir schauen in den Kasten, sehen ein Kleid, in meinem konkreten Fall das Kleid meines Junggesellenabschieds. Ein weißes Jacquemus-Kleid, Originalpreis ca. 600€. Im Nachhinein betrachtet eine maßlos übertriebene Ausgabe für einen Abend.
Okay, stimmt nicht ganz, ich hatte es auch als „Second Dress“ bei meiner Hochzeit für die Partynacht an. Trotzdem: Cost per Wear 300 €. Da kann ich selbst nur den Kopf schütteln. Aber viele, die selbst bereits mal geheiratet oder eine Hochzeit geplant haben, wissen vermutlich, dass man sich einbildet, alles für diesen besonderen Anlass zu brauchen, denn immerhin sollte es ja der schönste Tag im Leben sein. Aber es geht jetzt nicht um Hochzeitsausgaben, denn dieses Wochenende war tatsächlich das schönste meines Lebens.
Also zurück zum JGA-Kleid. Drei Jahre nach dem JGA hängt es noch immer in meinem Kasten. Ich überlege beim Schreiben dieser Zeilen, ob ich es nach der Hochzeit noch einmal anhatte? Ich glaube mich zu erinnern, es auf sämtlichen Urlaubsreisen eingepackt zu haben, aber es hat es nie aus dem Koffer geschafft, da es doch sehr gewagt und speziell ist. Außerdem passt es nicht in meinen (erweiterten, der klassische ist mir zu fad) Capsule Wardrobe.
Da hängt es also nun in meinem Kasten. Cost per Wear: 300 €.
Verkauft habe ich es noch nicht, denn ich kenne meine Vinted- & Willhaben-Statistiken: Ich habe noch nie mehr als 40 € für ein Secondhand-Kleid bekommen und das ist mir in dem Fall einfach zu wenig. Außerdem kommt er bestimmt, der Moment, in dem ich das Kleid nochmal anziehe und in meinem Kopf die Zeilen „My father told me when I was just a child, These are the nights that never die“ ertönen, wie beim JGA in Mailand.
Nein Girl, der Moment wird nicht kommen.
Du wirst das Kleid nie mehr tragen und wenn du es nicht verkaufst, verschenkst oder spendest, wirst du dir auch jedes Mal beim Blick darauf Gedanken machen, wie leid es dir um das Geld tut. Du wirst dich ärgern, warum du es zweimal im Jahr in die Hand nehmen musst, wenn du deinen Kasten sommer- bzw. winterfit machst.
Denn genau das ist es: Ein Teil, das wir eigentlich nicht mehr brauchen und wollen, aber dennoch haben, kostet uns jeden Tag, an dem wir es sehen, Energie. Energie, die wir für weitaus sinnvollere Dinge nutzen könnten. Nicht umsonst haben einige der berühmtesten Personen der Welt immer das Gleiche tragen, damit sie weniger Entscheidungen am Tag treffen müssen. Zudem entstehen Opportunitätskosten. 40€ in einen ETF investiert (kein Investment Advice!) oder ein lustiger Abend mit einer Freundin, sind viel näher an meinen Zielen & Werten, als ein Designerkleid.
Aber was nun? Nun habe ich das Kleid genommen, fotografiert und auf Willhaben gestellt. Allerdings nicht um 40€, denn ich habe mich nun zwar zum Verkauf durchgerungen, aber ich bin noch immer der festen Überzeugung, dass das Kleid mehr wert ist. Aber unabhängig zu welchem Preis ich es schlussendlich verkaufen werde, jede Einnahme ist besser als ein Kleid, das ich drei Jahre lang nicht getragen habe, das Platz für andere Sachen in meinem Schrank einnimmt und mich daran erinnert, dass es eine schlechte Cost per Wear hat.
Solltest du auf der Suche nach einem sexy Minikleid sein, hier ist mein Willhaben Inserat: Jacquemus La Robe Minikleid
Und wenn du gerade dabei bist deinen Kleiderschrank auszumisten, dann frag dich nicht nach den Preis des Teils in der Vergangenheit, sondern den Nutzen für die Zukunft.
xx Maria
Founder Rethink Minimal
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